AUF AUGENHÖHE

Als ich ein Kind war, wohnte in meiner Nachbarschaft eine Kunstmalerin. Alles, was sie umgab, war anders als bei uns zu Hause. Diese neue Welt wirkte wie ein Magnet auf mich. Wenn ich bei ihr an der Tür klingelte – und das kam fast jeden Samstag vor –, durfte ich zuerst von ihren selbst gebackenen Leckereien kosten. Danach fragte sie mich, ob ich ihr Modell sitzen würde. Ich fand das sehr schmeichelhaft, denn ich dachte, dass sie mich, unter allen Kindern im Quartier, auserwählt hätte. So sass ich still da mit grosser Geduld, denn ich hatte eine wichtige Mission zu erfüllen.

Ich denke, dass mich dieses Modellsitzen sehr beeinflusst hat. Das stille Sitzen, nicht mehr Sprechen, die Reduktion und Konzentration auf's Sehen – ich spreche hier wohlverstanden vom Portraitierten – die Mimik, den Eifer des Portraitierenden beobachtend. In der Zwischenzeit sind die Rollen vertauscht, doch noch immer ist mir bewusst, dass auch ich «fotografiert und beobachtet» werde. So könnte der von mir Portraitierte ebenso etwas von unserer Begegnung niederschreiben, malen, meisseln usw.
Diese Ebene der vertauschbaren Rollen, die ich «Auf Augenhöhe» nenne, ermöglicht in einer solchen Situation des «Ausgeliefertseins», Vertrauen herzustellen. Wenn mir der Portraitierte anvertraut, dass er aufgeregt sei, so versichere ich ihm, dass ich es ebenfalls bin.
Es ist eine stille ruhige Arbeit, mit dem vollkommenen Einverständnis des Gegenübers, ein sich Gegenübertreten. Oft stelle ich mir vor, dass ich ein Steinmetz bin, der etwas «Wichtigeres und Wesentlicheres» sichtbar machen möchte. An der Portraitfotografie, wie könnte es anders sein, interessiert mich der Mensch mit seinen Geschichten und Erlebnissen, die sich im Gesicht und in der Haltung zeigen. Wonach ich suche: Eine Übereinstimmung, eine Synchronizität von Innerem und Äusserem? Ich suche nicht nach dem wahren Gesicht.

Als die Schweiz 1998 Gastland an der Frankfurter Buchmesse war, bekam ich von der Bildagentur Keystone, bei der ich damals arbeitete, den Auftrag, die eingeladenen Autoren zu fotografieren.
Dieser Auftrag erweiterte sich zu einer Passion. Ab 2000 machte ich mich selbständig und fotografierte regelmässig für diverse Verlage wie den Limmat Verlag, Sec52, Nagel & Kimche, Edition Bücherlese und Dörlemann und eine Zeitlang für die Kulturstiftung Pro Helvetia.